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ISTANBUL’UM von Feyzi Demirel

Feyzi schreibt in seinem Vorwort:

Meine Liebe zu Instanbul ist eine alte. Bereits seit meiner Kindheit kreuzen sich unsere Wege…Und es sind genau diese anfänglichen Begegnungen, die sich vor meinem geistigen Auge abspielen… das Meer, nicht aufhören wollende Straßen, eine Symphonie aus Autohupen, mit Chlor durchsetztes Leistungswasser, Katzen, Müllberge an den Straßen und natürlich Onkel Ahmet, das Gesicht meiner Istanbul-Besuche.

Und weiter schreibt der gebürtige Mühlheimer:

Sie verliert nichts an ihrer Herrlichkeit und ihrer Anmut, doch wächst und verändert sie sich so schnell, dass ich den Drang habe, ihre Gegenwart in Bildern festzuhalten.

ISTANBUL'UM ist für Feyzi Demirel eine etwas über 100-seitige Liebeserklärung an die Millionenstadt am Bosporus.

Genauer betrachtet, gilt diese Liebeserklärung den Bewohner der Stadt auf zwei Kontinenten, denn Fotos der einschlägigen Sehenswürdigkeiten sucht man in diesem Buch vergebens. Die Sehenswürdigkeiten Istanbuls sind in den meisten Fällen bestenfalls Kulisse für die Street-Photography des gebürtigen Mülheimers, also eines waschechten Kinds des Ruhrgebiets.

 

Gegenwart bewahren

Besonders spannend finde ich dieses Buch im Kontext des Vorworts. Demirel will das Istanbul von heute für sich und die Nachwelt konservieren und die Bilder entstammen größtenteils zahlreichen Reisen im Jahr 2015. Und doch zeigt der Fotograf mit seinen 100 Schwarz-Weiß-Fotos in meinen Augen etwas ganz anderes: Zwar hält Feyzi Demirel zweifellos die Gegenwart der türkischen Megacity fest. Doch diese Gegenwart ist offenbar überraschend zeitlos. Denn ohne das Wissen, dass die Bilder zeitgenössisch sind, könnten die meisten Bilder genau so gut schon weit mehr als dreißig Jahre alt sein oder die Essenz aus den Istanbulreisen der letzten dreißig Jahren sein. Und das liegt absolut nicht an der Tatsache, dass alle Bilder schwarz-weiß sind.

Ich war selbst Mitte der Neunziger und vor 2007 in Istanbul und auch ich habe die Stadt als eine vor Kultur und Geschichte strotzende, und gleichzeitig auch weltoffene und moderne Metropole kennengelernt. Insofern kann ich Feyzis Eindruck der sich schnell wandelnden Großstadt sehr gut nachvollziehen. Und doch wirken die Bilder dieses Bildband aus der Zeit gefallen. Wären da nicht aktuelle Automodelle oder stellenweise moderne Kleidungsstücke, wäre eine Datierung der Bilder, zumindest für mich, extrem schwer.

Tradition oder Moderne?

Und genau das ist es, was diesen Bildband für mich so sehenswert macht. Denn dieser Bruch zwischen alt und neu, zwischen Tradition und Moderne findet nicht nur zwischen den einzelnen Bildern statt, sondern auch in manchen Bildern selbst. So wirken die Zeugnisse der Gegenwart wie zum Beispiel moderne Autos oft wie Fremdkörper, die jemand in ein historisches Bild gephotoshoppt hat. Das kennt man von Architekturfotos, aber auch die Menschen Istanbuls scheinen in Feyzis Bildern zeitlich erstaunlich losgelöst.

Kaufempfehlung

Für den Fotografen ist es der Versuch, das zeitgenössische Istanbul zu konservieren - für mich ist es eine auf Papier gebannte Metapher für die Zerrissenheit der Türkei zwischen Tradition und Moderne - in jedem Fall aber, ist ISTANBUL'UM ist ein sehr sehenswertes Fotobuch, erschienen im Verlag Seltmann + Söhne, das ich jedem, der sich für Street Photography, Istanbul, die Türkei oder Fotografie generell interessiert, hiermit wärmstens ans Herz legen möchte.

Preis: 35 €

ISBN 978-3-944721-80-4

Erhältlich im Buchhandel oder direkt auf www.feyzidemirel.com

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