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Kann die Fujifilm X-T2 Presse?

Eigentlich bin ich ja in den Stadtgarten in Köln gegangen, um der Frage näher zu kommen, ob Martin Schulz Kanzler kann. Eine weitere Frage, die mir schon lange im Kopf herumschwirrte war die Frage: Könnte ich meinen früheren Job als Pressefotograf heute auch mit einer Fujifilm Ausrüstung ausüben? Zur Schulzfrage möchte ich mich jetzt hier nicht äußern, aber die Fujifrage kann ich sehr klar beantworten. Ich könnte! Und wie! Ich will aber gar nicht mehr. 😉

Vor ein paar Jahren wäre ich auf einem Termin wie dem Wahlkampfauftritt von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz mit einer EOS 1DX, einer EOS 5D MKII (jeweis mit großem Blitz), dem 2,8/16-35 L, dem 24-70/2,8 L und dem 70-200/2,8 L aufgetaucht. Ich hätte nach einer Stunde Warten auf den Auftritt wie so oft Rückenschmerzen gehabt. Aber ich wäre mir sicher gewesen, dass mir die Ausrüstung bei der Jagt nach den richtigen Motiven schon mal keinen Strich durch die Rechnung machen würde. Heute fotografiere ich nur noch aus Spaß und meine Oberwerth Wetzlar hatte ich eigentlich eher aus Gewohnheit dabei. In der Tasche fand sich die Fujifilm X-T2, XF 2/23, XF 1,4/35, XF 1,2/56 und XF 4/10-24 und KEIN Blitz. Fotos wollte ich nur machen, wenn ich wirklich Lust hätte. Und nach einem ausgiebigen Schwätzchen mit einigen netten, ehemaligen Kollegen hatte ich Lust. Warum also nicht die latent schon lange in mir brodelnde Frage klären: "Könnte mann meinen alten Fotoreporter-Job heute auch mit meiner spiegellosen Cropkamera machen?" Gemeint ist damit, wie sich die Performance und Usability der Fuji gegenüber einer professionellen DSLR schlägt. Für die X-E1 hätte ich die Frage verneint. Mit der X-E2 wäre das vielleicht gegangen, aber man müsste häufiger Kompromisse in Kauf nehmen.

Rein ins Getümmel

Die Voraussetzungen waren denkbar tricky. Abseits der Bühne mieses Licht, alles sehr eng, viele Pressefotografen, Filmteams und mit Smartphone oder Tablet filmende Schreibkräfte, nicht zu vergessen reichlich Sicherheitsbeamte. Und da ich ja nur aus Spaß fotografieren wollte, wollte ich auch den professionellen Kollegen nicht im Weg stehen. Die müssen davon schließlich leben. Ich habe mich also meist hinter dem Getümmel aufgehalten und schon zeigten sich die ersten große Vorteile der X-T2: das Klappdisplay und das Gewicht. Im Gegensatz zu den Topmodellen von Canon und Nikon verfügt die X-T2 ja bekanntlich über ein Klappdisplay. Dieses hat mir sehr geholfen, den Bildausschnitt bei Überkopfaufnahmen richtig gestalten zu können und nicht wie früher mehr oder weniger blind zu schießen und zu hoffen, dass Bildausschnitt und Schärfe so sitzen wie sie sollten. Das Gewicht, das ja nur ein Bruchteil der DSLR-Profiboliden beträgt, ermöglicht es mir, die Kamera auch längere Zeit am ausgestreckten Arm dorthin zu halten, wo ich sie haben wollte. Daran wäre mit meiner früheren Ausrüstung nicht zu denken gewesen. Die Lichtempfindlichkeit des Fuji-Sensors war kein Problem. Mit Auto-ISO bis 6400 ISO war das wenige Licht bei offener Blende der drei Festbrennweiten überhaupt kein Hindernis mehr. Und beim Blick in die Displays der umstehenden Canon- oder Nikon-Nutzer, die per Monitorlupe die Schärfe ihrer Bilder kontrollierten, waren auch dort keine besseren Ergebnisse zu sehen. Ganz im Gegenteil. Ich hatte ganz vergessen, wie scharf die Fuji-Files bereits fotografiert werden. Dagegen wirkten die unbearbeiteten Bilder in den neuesten Canon bzw. Nikon-Topmodellen eher matschig.

Es lebe das Klappdisplay!

An die Nutzung von Zooms war kaum nicht zu denken - zumindest nicht, wenn man Available Light fotografieren wollte. Das galt natürlich auch für die Canon- und Nikonuser. Wer keine lichtstarken Festbrennweiten dabei hatte, kam ums totblitzen der Stimmung kaum umhin. Mit den lichtstarken Fuji-Festbrennweiten waren die Lichtverhältnisse aber nie grenzwertig. Der AF der X-T2 saß eigentlich immer exzellent. Da ich wie gesagt niemanden die guten Fotostandpunkte wegnehmen wollte, habe ich aus der Not eine Tugend gemacht und eher aus der zweiten oder dritten Reihe fotografiert. Aber das gefielt mir auch fotografisch am besten. Dank Schwenkdisplay und geringem Gewicht fand sich stets eine Lücke, durch die man fotografieren konnte und reizvolle Silhouetten in der Unschärfe mit ins Bild einbeziehen konnte.

Fazit

Alles in allem bin ich von meiner X-T2 wirklich total positiv überrascht. Nach dem heutigen Test hätte ich überhaupt keine Bedenken, meinen alten Job mit einer Fuji-Ausrüstung zu machen. Was die Bildfrequenz angeht, ist die X-T2 absolut ebenbürtig, das Rauschverhalten ist ausreichend gut, der AF ist Klasse und die Bildqualität überragend. Jetzt, wo ich die Dimensionen einer auch heute noch üblichen DSLR-Ausrüstung wieder bei den Kollegen gesehen habe, freue ich mich mit meinem Rücken zusammen noch mehr über die Kompaktheit der Crop-Systemkameras. Dass ich meine Fotoausrüstung dabei hatte, habe ich nämlich eigentlich gar nicht gespürt.

Klar: die Voraussetzungen waren ungerecht. Ich war privat vor Ort, musste nicht liefern und auf Nummer Sicher gehen, konnte ohne Druck und mit freiem Kopf "herumknipsen". Unter scharfen Bedingungen wäre ich sicher mit zwei Bodies und auch mit Blitz unterwegs gewesen. Aber dennoch: aus meiner Sicht kann man heute genauso gut mit einer aktuellen Spiegellosen im Pressealltag bestehen. Die Vorherrschaft der Vollformat-DSLR-Boliden gerät auch in diesem Anwendungsbereich ins Wanken. Dennoch bin ich sehr froh, dass ich den Job nicht mehr machen muss. Auch das war ein Learning des heutigen Tages.

10 Antworten

  1. Christian Ahrens
    | Antworten

    Hallo Christian,

    ich kann Deine Analyse nur bestätigen. Die aktuellen Kameras von Fujifilm sind dem Profi-Alltag absolut gewachsen – und bieten darüber hinaus in manchen Aspekten originäre Vorteile. Corporate, Events, Presse: ja, das alles geht, sogar sehr gut und mehr als nur auf Augenhöhe.

    Schöne Fotos!

    Viele Grüße
    Christian

  2. Sören Lindhoff
    | Antworten

    Bis auf die Tatsache, dass die guten Dinger bei Serienbildreihen halt gerne einfrieren. Ansonsten absolut wunderbar. Aber wenn man darauf angewiesen ist – für den professionellen Alltag nicht zu gebrauchen.

    • cohlig
      | Antworten

      Hey Sören, komisch. Ich habe diese Erfahrung mit der X-T2 noch nie gemacht. Zugegebenermaßen reize ich die Serienbildgeschwindigkeit und den Pufferspeicher in der Landschaftsfotografie natürlich eher selten aus. Welche Speicherkarten nutzt du denn?

  3. Tilman
    | Antworten

    Danke für den Praxisbericht. Tolle Bilder, auch oder gerade weil sie aus der 2./3. Reihe gemacht wurden.

  4. Thomas Lauer
    | Antworten

    Echt tolle Bilder, obwohl ich mir als Hobbyfotograf keine Vorstellung darüber mache was den Unterschied bei den Bildern ausmacht zwischen Profi und Hobby. Die Ausrüstung alleine bestimmt nicht, oder?

    • cohlig
      | Antworten

      Hey Thomas,

      danke für die netten Worte. Der größte Unterschied: der Profi muss mit seiner Fotografie Geld verdienen, der Amateur muss das nicht. Alles andere hängt viel mehr von dem Individuum hinter dem Werkzeug ab. Aber es gibt gewisse Anforderungen, die meine X-E1 oder X-E2 bisher nicht erfüllt hätten. Mit der X-T2 scheint sich das geändert zu haben. Hier habe ich nicht das Gefühl, im Vergleich mit der Canon-Ausrüstung, die ich 16 Jahre gewohnt war, nennenswerte Abstriche machen zu müssen.

      Viele Grüße

      Christian

  5. Peter Cordes
    | Antworten

    Schöne Aufnahmen, hast Du sie in RAW aufgenommen?
    Auch ich bin über Nikon/Sony jetzt bei fujifilm gelandet und kann deine Erfahrung bestätigen.
    Allerdings bin ich Hobby-Knipser (wiederentdeckter Rentner Alltag).

    • cohlig
      | Antworten

      Danke Peter! Hobbyknipser bin ich auch. 🙂 Ja, die Bilder sind im RAW aufgenommen, wobei die JPEGs im Ergebnis vermutlich in diesem Falle auch keinen großen Unterschied gemacht hätten.

  6. Axel
    | Antworten

    Naja, das ist halt alles sehr relativ. Klar kann man mit jeder Kamera Pressebilder machen. Man muss auch nicht wie wild um sich feuern. Aber jede Redaktion hätte so stark bearbeitete S/W Fotos erstmal abgelehnt. Warum also der Vergleich?

    • cohlig
      | Antworten

      Ich bin ein bisschen ratlos, was ich mit deiner Anmerkung anfangen soll. Es ging mir nicht darum, ob man mit der X-T2 Bilder fabrizieren kann, die man in Zeitungen abdrucken kann. Das ist nun wirklich keine hohe Hürde. 😉 Vielmehr ging es mir darum herauszufinden, wie die Fotografie mit einer X-T2 sich im Pressekontext im vergleich zu meiner 16 Jahre lang genutzten Ausrüstung schlägt. Mir ging es nicht darum, das perfekte Pressebild zu schießen. Wie das aussieht, weiß ich wohl ziemlich genau. 😉 Ich schildere einfach meine Erfahrungen in der Annahme, dass diese auch noch andere Fotobegeisterte interessieren könnte. Das sollte der Blogpost. Nicht mehr und nicht weniger.
      Aber mal eine andere Frage: Was treibt einen eigentlich dazu, Internetbeiträge mit „Warum?“ zu kommentieren? Ich meine, es gibt ja keine Lesepflicht. Entweder nehme ich etwas von einem Beitrag mit – dann lese ich weiter. Oder eben nicht – dann breche ich die Lektüre aber mir würde es nie in den Sinn kommen, die Existenzberechtigung des Beitrag als solche in Frage zu stellen.

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