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Streitpunkt elektronischer Sucher.

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Optischer oder elektronischer Sucher… offenbar scheiden sich daran die Geister.

Fluch oder Segen... Kameras ohne optischen Sucher wie die Fujifilm X-E2.               Foto: Carsten Schouler
Fluch oder Segen... Kameras ohne optischen Sucher wie die Fujifilm X-E2. Foto: Carsten Schouler

Ernsthafte Fotografie = Spiegelreflex = Optischer Sucher?

Bis vor ein paar Jahren hießen die beiden marktbeherrschenden Kamerahersteller im Cosumer-, Prosumer- und Pro-Bereich Canon und Nikon. Wer sich ernsthaft mit Fotografie beschäftigt hat, hat zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit (auch) mit einer Spiegelreflexkamera von Canon oder Sony fotografiert. Das war schon zu analogen Zeiten so und hatte auch im Digitalzeitalter so lange Bestand. Digitale Sucherkameras waren etwas für "Knipser". Doch heimlich, still und leise kamen andere Hersteller auf die Idee, Kameras für ambitionierte Fotografen auf den Markt zu bringen, die keinen Spiegelkasten mehr hatten. Die Bildgestaltung wurde damit nicht "amateurlike" mit ausgestreckten Armen mit dem Rückdisplay vorgenommen, sondern mit einem elektronischen Sucher. Eine der ersten wirklich leistungsstarken Kameras war die Fujifilm X100. Bei dieser Kamera stand neben dem traditionellen optischen Messsucher auch ein elektronischer Sucher zur Verfügung. Ergänzt wurde die X100 mit fest verbauter Festbrennweite wenig später von der X-Pro 1, die Wechselobjektive und ebenfalls die Wahl zwischen optischem und elektronischem Sucher bot. Gänzlich ohne optischen Sucher kam dann im nächsten Schritt die X-E1 aus. Ich schildere diese Entwicklung jetzt zwar am Beispiel Fuji - aber genauso brachten auch andere Hersteller wie Olympus, Panasonic oder Sony ähnliche Konzepte auf den Markt. Canon und Nikon nahmen diese Entwicklung lange überhaupt nicht ernst und reagierten mit den langweiligsten und unambitioniertesten Kameras, die sie je gebaut haben Kameras im absoluten Einsteigersektor. Bis heute haben beide Hersteller in meinen Augen kein ansatzweise überzeugendes spiegelloses System auf den Markt gebracht. Wie bereits in anderen Branchen, lassen sich hier erfolgreich Unternehmen aus Sorge, ihre bisherigen Produkte selbst zu kannibalisieren stattdessen von andern Unternehmen kannibalisieren. Ein Blick in die Umsatzzahlen spricht Bände.

Grundlegender Unterschied der beiden Kamerasysteme ist, wie der Name "spiegellose Kamera" schon sagt, der Wegfall des Spiegelkastens, der auf der einen Seite deutlich kompaktere Kameragehäuse ermöglicht - auf der anderen Seite wegen des veränderten Auflagemaßes auch neue Objektivlinien bzw. Adapter erforderlich macht.

Bei mir war die Fuji X-E1 die erste Systemkamera mit elektronischem Sucher. Zunächst als Zweitsystem zur Canon EOS 1DX, hatte ich tatsächlich zunächst Probleme, mit dem elektronischen Sucher warm zu werden. Grund dafür war die geringere Auflösung im Vergleich zum optischen Sucher, geringe Dynamik, Verzögerung sowie der wirklich langsame Autofokus - vor allem im zugegeben ungerechten Vergleich mit der EOS 1DX. Mittlerweile habe ich nur noch das Fuji-System im Einsatz und benutze vorwiegend die Fujifilm X-E2, deren Sucher in Sachen Menü-Auflösung, Dynamik und Verzögerung erheblich verbessert wurde und mir insgesamt erheblich besser vorkommt. Auch der AF ist deutlich schneller, wenngleich noch nicht auf professionellem DSLR-Niveau. Man sollte jedoch nocht vergessen, dass die X-E2 nicht dem aktuellen Stand der Technik entspricht.

Heise titelt: "Elektronischer Sucher: Mäusekino bleibt Mäusekino"

Sucherbild Fujifilm X-E2
Der Sucher: Abbild der Realität oder Vorschau der aufzunehmenden Datei?

Durch ein Blogposting meinen neuen Fotofreund Christian Rohweder bin ich den Kommentar von Sasche Steinhoff auf heise.de aufmerksam geworden. Steinhoff stellt in seinem Kommentar die Vor- und Nachteile elektronischer Sucher grundsätzlich korrekt dar. 

Steinhoffs Kritikpunkte sind:

  • Stromverbrauch
  • Verzögerung
  • Man sieht nicht "was man fotografiert"

Doch meiner Meinung nach ist Steinhoff nicht auf dem neuesten Stand aktueller Kameramodelle. Denn nach meiner Einschätzung haben viele Hersteller bei ihren neuesten Modellen an den Nachteilen digitaler Sucher intensiv gearbeitet und diese enorm verbessert. Insofern ist Steinhoffs Kritik nur begrenzt zutreffend, was in Christian Blogbeitrag sehr zutreffend dargelegt wurde.

Der elektronische Sucher wird auch bei hochwertigen Kameras salonfähig, dabei ist er dem optischen Sucher immer noch nicht ebenbürtig.

Nun, das liegt doch sehr im Auge des Betrachters. Denn dabei kommt es doch sehr auf das Anwendungsgebiet der Kamera und an die Erwartungshaltung an einen Sucher an. Was einen perfekten Sucher in Steinhoffs Augen ausmacht, schreibt er selbst:

Bevor ich auf den Auslöser drücke, möchte ich das das Motiv so sehen wie es ist. Und da gibt es nach wie vor keine Alternative zum optischen Sucher.

Und jetzt kommen wir schon zu einer fast philosophischen Dimension und zu zwei weiteren Fragen:

  • Ist ein optischer Sucher in der Lage, dieser Erwartungshaltung gerecht zu werden?
  • Nimmt die Kamera das Bild so auf, wie es wirklich ist?

Nun, zur ersten Frage: Im optischen Sucher einer DSLR erhalte ich ein relativ realistisches Abbild dessen, was ich auch ohne Kamera sehe. Beim Blick durch den Sucher erhalte ich zusätzlich einen Eindruck vom Bildausschnitt, der Wirkung der gewählten Brennweite und durch Drücken der Abblendtaste eine Ahnung von der Schärfenverteilung. Doch hier fängt das Problem schon an. Im DSLR-Sucher sieht die Schärfentiefe immer größer aus, als sie tatsächlich ist. Bei wenig Licht sehe ich im optischen Sucher noch weniger als mit bloßem Auge. Eine Bildgestaltung wird dadurch sehr erschwert. Gleiches gilt bei starkem Gegenlicht. Auch manuelles Fokussieren fällt mit der serienmäßigen DSLR-Mattscheibe sehr viel schwerer als im elektronischen Sucher einer DSLM mit Zoomfunktion und zusätzlichen Fokussierhilfen.

Doch ich habe mit der Ebenbürtigkeit ein ganz anderes Problem und deshalb kommen wir zur zweiten Frage. Will ich, dass mein Sucher mir ein möglichst unverfälschtes Abbild dessen liefert, was ich auch mit meinem Auge wahrnehmen kann oder wünsche ich mir eine möglichst repräsentative Vorschau der von meiner Kamera beim Auslösen gespeicherten Datei?

Mir persönlich geht es bei der Fotografie darum, Bilder festzuhalten. Der limitierende Faktor ist die dazu verwendete Fotoausrüstung. Und deshalb möchte ich beim Fotografieren schon einen möglichst realistischen Eindruck von der zu erstellenden Bilddatei haben. Auf Deutsch: welchen Ausschnitt der Realität kann meine Hardware festhalten und wie wirkt das? Und je näher das Sucherbild der gespeicherten Datei kommt, desto besser ist das für mich (Stichwort Ebenbürtigkeit). Während ich bei der DSLR einen Eindruck von Bildausschnitt, Bildwirkung und Schärfenverteilung bekomme, bekomme ich beim digitalen Sucher neben zahllosen zusätzlichen Einblendungen einen Eindruck von der Wirkung der gewählten Kameraeinstellungen, der Belichtungskorrektur und ich kann sogar noch ins Bild hineinzoomen. Das ist für mich ein großer Mehrwert. Natürlich kann ich im RAW-Konvertert noch eine Menge ändern, aber "On Location" hat der elektronische Sucher einen großen Mehrwert. Auch in der DSLR kann ich die Wirkung dieser Parameter auf die aufgenommene Datei begutachten, indem ich mir das aufgenommene Bild auf dem Rückdisplay anschaue. Doch das funktioniert eben nur nach der Aufnahme und das Rückdisplay ist je nach Lichtsituation relativ beschränkt geeignet, das Bild zu beurteilen.

Fazit:

Wie immer kommt es in meinem Augen darauf an, was man mit seinem Werkzeug anstellen will. Will ich Sport im High-End-Bereich fotografieren, führt in meinen Augen kein Weg an DSLR von Canon oder Nikon vorbei. Und das liegt nicht nur am Sucher, sondern am Gesamtpaket und vor allem am AF und den verfügbaren Linsen. In den meisten anderen Anwendungsgebieten kommen andere Faktoren hinzu, die in meinem Augen weitaus ausschlaggebender sind, als das Suchersystem. Dazu gehören Bedienkonzept (wie z.B. bei Retrokameras wie der Fuji-X-Serie), Größe, Objektivauswahl, Preis, Design und vieles mehr. In meinem Fall auch Gewicht und Volumen. Der Wegfall des Spiegelkastens war sicherlich der Auslöser für eine tiefgreifende Umwälzung im Kameramarkt. Doch unterscheiden sich SLR- und Systemkameras eben durch viele weitere Aspekte. Und das Schöne ist ja, dass jeder einfach das Werkzeug verwenden kann, was für die eigenen Ansprüche am geeignetsten erscheint.

Meine Erwartung an einen Sucher ist die gleiche wie an einen Monitor: Ich möchte ein möglichst unverfälschtes Abbild der zu erwartenden oder bereits gespeicherten Datei erhalten. Und deshalb ist ein elektronischer Sucher für mich und meine Art der Fotografie einem optischen Sucher überlegen. Wenn ich mich allerdings an den Sucher meiner alten Olympus OM1 erinnere, könnte ich noch einmal schwach werden. Bei den Suchern der aktuellen DSLR sieht das aber anders aus. 😉

Kein optischer Sucher... ich sehe eher die Vorteile und kann mit den Nachteilen gut leben.
Kein optischer Sucher... ich sehe eher die Vorteile und kann mit den Nachteilen gut leben.

5 Antworten

  1. Stephan
    | Antworten

    Zum Thema Information: Der Punkt, dass Kameras mit EVF nicht für Action- und Sport geeignet sind…da frage ich mich an der Stelle immer wieder, wieso eigentlich das A-Mount oder die Alpha 6000 von Sony so konsequent ignoriert wird.

    Tatsächlich ist gerade ersteres mit seinem APS-C Topmodell Alpha 77-II den allermeisten Kameras mit optischen Suchern überlegen, gerade dann wenn man in der Folge auslöst und sich darauf verlässt, dass der Fokuspunkt sauber nachgezogen wird.

  2. Dirk Goldbach
    | Antworten

    Sobald ein hochwertiges Vollformat-System mit ordentlichem Rauschverhalten jenseits ISO 6400, ohne Spiegel aber mit zwei Kartenslots und ausreichend guter Auswahl an Objektiven zur Verfügung steht, steige ich um.
    Mehr verlange ich nicht.

    Bis es soweit ist, schleppe ich meine Nikon Bodies durch die Gegend.

  3. Xtian
    | Antworten

    Mal ansehen: optische Aufstecksucher, bsp. VF-X21 Fuji. Sind bereits hochentwickelt. Grüße

  4. Peter
    | Antworten

    […]deren Sucher und in Sachen Auflösung[…]erheblich verbessert wurde[…]

    Irgendwas stimmt hier nicht. Sie haben die X-E1 nie benutzt? Der Sucher der X-E2 wurde keineswegs in Sachen Auflösung verbessert. Ob X-E1, X-T10, X-E2s, X-T1, X-T2 oder X-T20; alle nutzen den EVF (OLED) mit 2,36MP. Einzig die X-Pro1 hat einen deutlich schlechter auflösenden Sucher.

    Viele Grüße aus der Schweiz.

    • Christian Ohlig
      | Antworten

      Hallo Peter,
      danke für den Hinweis. Ich habe den Beitrag in dieser Hinsicht präzisiert. Die native Auflösung ist mir ehrlich gesagt herzlich egal. Was mir wichtig ist, ist der subjektive Eindruck. Und da spielen noch viele weitere Komponenten mit hinein. Da die X-E1 eine ganze Weile meine einzige Kamera war habe ich sie sehr wohl genutzt. Und da war für mich der Umstieg auf die X-E2 suchertechnisch eine große Verbesserung. Besonders nach dem großen Firmware-Update. Der Sucher der X-T2, die ich mittlerweile auch habe ist da ein weiterer, großer Schritt nach vorne.
      Viele Grüße
      Christian

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